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Interview mit Yoko Magune

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Willkommen bei Aveleen Avide

Zuerst einmal tut es mir Leid, dass ich letzte Woche kein Interview online stellen konnte. Das Problem war leider blog.de. Sie haben leider 4 Tage an ihrer Datenbank herumgespielt und dabei sind fast alle meine Beiträge verschwunden gewesen. Könnt ihr euch meinen Schreck vorstellen. Und das, nachdem erst im Februar sevenload seinen Dienst eingestellt hatte und meine 2.000 Fotos und über 200 Videos deshalb aus meinem Blog verschwanden. Aber nun geht Blog.de erst mal wieder. Jedenfalls wollte ich unter diesen Umständen kein Interview online stellen.

Und nun zum Interview:

Weshalb der Roman für Yoko eine Selbsttherapie ist? Sugardaddys sagen einem normalerweise nur von Krimis etwas. Was sind Kogals. Ein Mädchen, das einem "zweifelhaften" Gewerbe nachgeht, plaudert bei mir aus dem Nähkästchen.

Wer mir eine Frage zum Interview beantworten kann und mir dazu die 1. oder 2. E-Mail sendet, der kann „Enjokōsai“ gewinnen. Wie es geht? Das steht am Ende des Interviews.

Foto Yoko Seifuku

Foto: © Axel Gora

Yoko Magune Der Roman „€njokōsai,-“ ist ein Gemeinschaftsprojekt der jungen Autorin Yoko Magune und dem Sachbuch- und Romanautor Axel Gora. Axel Gora ist zudem Jiu-Jitsu-Großmeister und Inhaber der Sportschule Budo Gym Augsburg.

Yoko Magune wurde 1992 als koreanisch-chinesisches Mischlingskind und einzige Tochter ihrer alleinerziehenden Mutter in München geboren. Sie besuchte dort die Grundschule und das Gymnasium. Ein gelungenes Abi in der Tasche, zog sie nach einem Aufenthalt in Augsburg zum Studium nach Berlin. „€njokōsai,-“ ist nach diversen Kurzgeschichten Yokos erster Roman.
Axel Gora hat als Yokos Mentor, Lektor und teilweise Coautor zum Gelingen des beachtlichen Debüts beigetragen. Anfang August erscheint mit „Der Luftspringer“ bei Gmeiner der Abschluss seiner Renaissance-Trilogie.

Axel Gora habe ich bereits interviewt. Einfach hier klicken, wenn Sie alles über seine Vorlieben, seine Leidenschaften und sein spannendes Leben wissen möchten.

Yoko, der Titel „€njokōsai,-“ deines Romans gibt erst einmal Rätsel auf, sowohl als Wort, als auch durch die Schreibweise, mit Eurozeichen und Komma-Strich am Ende. Das Bild auf dem Cover mit dem auffallenden Beschnitt tut dazu ein Übriges. Was hat das alles zu bedeuten?

YOKO MAGUNE:
Enjokôsai ist der japanische Begriff für Datings, bei denen sich Schulmädchen im Sailor-Outfit in Tokio oder anderen Großstädten mit Männern treffen und dafür Geschenke oder Bares bekommen. Enjokôsai, oder kurz nur Enkô, heißt eigentlich „Aushilfsbegleitung“. Meistens läuft es auf Prostitution hinaus.

Enjokôsai ist seit Mitte der 90er in Japan ein heiß diskutiertes Phänomen. Hier bei uns in Deutschland kennen das nur Insider und Japanfans. Weil die schnöde Kohle dabei – und auch im Roman – keine geringe Rolle spielt, und andererseits dieser Begriff bei uns in Deutschland wenig geläufig ist, hatte Axel vorgeschlagen, das auch optisch in der modifizierten Schreibweise rüberzubringen, was ich ‘ne coole Idee finde.

Das Bild ist ein Foto von mir und optisch verfremdet, es soll wie eine Art Kreidezeichnung wirken. Uns ging es bei diesem Motiv und seiner Machart nicht darum, plakativ und scharf alles abzubilden, sondern den Gehalt des Romans als Gesamtwerk zu betonen und dazu ein Geheimnis zu transportieren: Wer ist das Mädchen Yoko Magune, das diesen autobiografischen Roman geschrieben hat?

So viel sei verraten, meine Namen sind Pseudonyme (warum ich Yoko Magune als Künstlernamen wählte, steht im Buch); bürgerlich trage ich einen deutschen Namen, den meine Mutter von ihrem ersten Mann übernommen hat. Wer und wie ich bin klärt der Roman, und auch dieses Interview gibt wohl einiges über mich und meine Geschichte preis.

Cover und Titel sollen herausstellen, dass es sich hier nicht um ein seichtes Sexgeschichtchen handelt à la „Die heißen Schenkel der kleinen Japsenschlampe“ oder so, sondern um eine ansprechende Story mit einem Thema, das für denjenigen Leser attraktiv ist, der sich für Menschen und ihre Sehnsüchte interessiert, und dafür, wie sie damit umgehen und was diese Sehnsüchte in ihnen bewirken. Es geht um die positiven wie negativen Kräfte, die Liebe in ihren ehrlichen und unehrlichen Formen heraufbeschwören kann, vor dem Hintergrund eines bestimmten Fetischs. Es geht um die Hintergründe und Motivation der Menschen – also Anbieter wie Freier –, die sich diesem Fetisch hingeben. Das ist psychologisch superinteressant und macht die Sache anspruchsvoll.

Bei Fetisch denken die meisten an Lack und Leder. Bei dir geht es um Matrosenkragen und Stulpenstrümpfe …

YOKO MAGUNE:
Fetisch kann in der Erotik und beim Sex letztlich alles sein, was anmacht. Lack und Leder ist mithin die erste Assoziation, aber Uniformen, egal welcher Art, haben doch wohl schon immer dazugehört – von der Sekretärin und Polizistin über die Stewardess und Krankenschwester bis eben zum naughty Teeny im kurzen Rock und Kniestrümpfen, oder eben bei den Kogals die Stulpen. Bei den Sugardaddys, so nennen die japanischen Mädchen ihre Kunden, spielt da ganz stark der Lolitakomplex mit rein, eben die Gier nach dem lasziv Unschuldigen der Kindfrau, vermischt mit deren trotzgörigem Gehabe, unter dem meist bewussten Aspekt der Macht. Nabokov hat das in „Lolita“ verdammt gut rübergebracht, meine Anerkennung!

Das heißt, das Enkôgeschäft funktioniert nur mit Teenys, denen du ja auch nicht mehr angehörst?

YOKO MAGUNE:
As time goes by. Mittlerweile bin ich ja auch ,schon‘ 21 – als ich mit der Romanidee anfing war ich 18. Ich werde aber auch heute noch ab und zu nach meinem Schülerausweis gefragt …

Reifere Frauen existieren logischerweise nicht auf diesem Markt, weil sie den spezifischen Fetischanspruch, dieses Lolitading, nicht bedienen können; dazu sind sie einfach schon zu alt. Umgekehrt kann ich als dünnes asiatisches Teeny mit XS-Größe und meiner 70A-Oberweite Pamela Anderson-Fans auch nicht anfixen. Die stehen eben auf die völlig konträren Attribute. Im Roman habe ich eine Szene, wo mir ein Freier das verklickert; dem will ich mich als verruchte Sekretärin in schwarzem Rock, weißer Bluse und Brille verkaufen, was aber aus obigem Grund nicht hinhaut, aber den Impuls gibt für das Enkôbizz. Bei der Escortagentur bekam ich die Bestätigung für diese Erkenntnisse.

Enjokosai

In „Enjokōsai“ geht es lt. Amazon.de um:
Jin, 19, halb Chinesin, halb Koreanerin lebt in München. Sie liebt Radfahren, Milla Jovovich als Jeanne d’Arc, The Police Greatest Hits, und sie liebt ihre Mutter. Als diese immer tiefer im Sumpf von Prostitution und Alkoholismus versinkt, übernimmt Jin die Verantwortung für den großen gemeinsamen Traum: ein eigenes Restaurant am Meer. Das Credo „Sei mutig, sei stark!“ – von der Mutter in der Kindheit eingebläut – hat Jin verinnerlicht, doch mit Entschlossenheit und Kellnern wird sich weder der Traum erfüllen, noch kann sie die Mutter retten; Jin beginnt sich heimlich zu verkaufen: Zuerst per Inserat an gewöhnliche Freier, schließlich im Sailor-Outfit nach dem Vorbild der japanischen Schulmädchenprostitution Enjokōsai, kurz Enkō, an wohlhabende japanische „Sugardaddys“.
Während Jin sich in der bizarren Enkō-Welt mehr und mehr verliert, und sich immer tiefer in Lügen und Schuldgefühle verstrickt, findet sie in der wachsenden Liebe zu dem Fotografen Marinus neuen Halt. Marinus, gut doppelt so alt wie sie, hilft Jins Bekanntschaft anfangs über eine verflossene Liebe hinwegzukommen. Doch allmählich entwickelt auch er stärkere Gefühle für das Mädchen, die in eine lebensgefährliche Mutprobe münden.
Jin und Marinus nehmen beide, jeder nach seiner Art, ihren persönlichen Kampf auf um die Liebe, die Zukunft und das Leben ...

Wie kamst du auf die Idee zu „Enjokōsai“?

YOKO MAGUNE:
Im Grunde spielten da zwei Sachen mit rein. Die erste war, dass ich durch die ziemlich krasse Biografie meiner Mutter in punkto Prostitution nicht wenig vorbelastet bin, was ich im Roman eingängig schildere. Es lag für mich, dem Schreiben immer schon zugetan, nahe, mal etwas darüber zu verfassen. Das zweite war, dass ich für meine Hausarbeit das immer wiederkehrende Erörterungsthema Schuluniform gewählt hatte. Durch Recherchen darüber bin ich im Netz auf Enjokôsai gestoßen. Mich hat fasziniert, wie locker, alles auf Eigenregie und selbstorganisiert, die japanischen Mädchen dieses spezielle Business handlen. Das hat mich nicht mehr losgelassen. Ich habe angefangen Material darüber zu sammeln, was letztlich einen ganzen Leitzordner gefüllt hat.

Gibt das Thema so viel her?

YOKO MAGUNE:
Der Ordner hat sich im Laufe des Romans nach und nach gefüllt. Angefangen habe ich mit dem Ausdruck einer Seite aus Wiki, später kamen die ganzen Arbeitsblätter für den Roman hinzu. Ich habe den Ordner mit Registern wie „Texte allgemein“, „Namen“, „Artikel deutsch“, „Artikel englisch“, „Uniformen“, „Lolita“, „Verlage“ und „Materialien“ versehen. Bei „Materialien“ sind zum Beispiel mein Escort-Vertrag dabei, den ich im Buch abdrucke, natürlich unterer geändertem Agenturnamen, oder die Figurenprofile und die komplette Story-Outline von der ersten bis zur letzten Szene.

Ich bin sicher, dass du für „Enjokōsai,-“ recherchieren musstest. Ist dir bei den Recherchen etwas Überraschendes, Außergewöhnliches, vielleicht sogar Witziges passiert?

YOKO MAGUNE:
Mein Schriftverkehr mit dem Hauptzollamt in Frankfurt am Main, später mit dem Oberstaatsanwalt beim Landgericht F/M – „Abteilung für Organisierte Kriminalität“ war ganz kurios. Ich hatte mir bei einem offiziellen Onlinevertrieb in China zum Thema passende DVDs bestellt, die mir die Zollbehörde am Flughafen konfiszierte. Meinen Einspruch haben sie abgelehnt und sich darauf bezogen, dass die Firma – also wohlgemerkt nicht ich als Besteller –, gegen die hierzulande geltende Verordnungen im Versandhandel verstoßen habe, weil sie die DVDs an eine unbekannte Privatperson verschickte, von der sie nicht mit Sicherheit wisse, ob Volljährigkeit bestünde. Hätte ich die DVDs von einer Videothek bestellen lassen, wäre das alles kein Problem gewesen, zumal es nicht einmal pornografische Inhalte waren, sondern nur erotische, wie man aus den Trailern sehen konnte. Inhalt und Machart entsprachen den Clips, die du heute ganz normal auf YouTube sehen kannst, wenn du zum Beispiel Japanese Schoolgirls eingibst.

Du konntest doch dem Zollamt nachweisen, dass du volljährig bist.

YOKO MAGUNE:
Habe ich ja, aber die haben mir die DVDs trotzdem nicht zugestellt, mit der Begründung, man ermittele gegen diese ausländische Firma und die „Bildträger“ würden als Beweismittel einbehalten. Erst habe ich mich darüber aufgeregt, dass ich mein rechtmäßig erworbenes Material nicht bekomme – Beamtenwillkür und so –, aber dann war es mir irgendwann egal; der Roman ist auch ohne die DVDs was geworden, nicht umsonst hab ich ihn mehrmals umgeschrieben, mehr oder weniger freiwillig … unter der Fuchtel;-) meines Mentors.

Du meinst Axel. Wie sah denn die Zusammenarbeit zwischen Euch aus und wir seid Ihr zusammengekommen?

YOKO MAGUNE:
Wir haben uns bei einem Schreibseminar in München kennengelernt. Er war der einzige Teilnehmer, der schon publizierter Buchautor war – ich gehörte zu den Greenhorns, die, mit einem Wust unstrukturierter Manuskriptblätter und wirren Ideen im Kopf, erfahren mussten, dass zwischen guter Literatur lesen und guter produzieren Welten liegen. Axel hatte mir seinen gerade erschienenen historischen Roman „Das Duell der Astronomen“ geschenkt, weil ich mich gegen dieses Genre recht negativ ausgelassen hatte. Ich wusste nicht, dass er so was schreibt, sonst hätte ich mich wohl zurückgehalten, so viel Taktgefühl besitze ich.

Das Duell hatte ich an zwei Tagen ausgelesen und Axel dann einen Brief geschrieben – ja, Brief, keine E-Mail –, also richtig mit Tinte auf gutem Papier aus dem Fachgeschäft, passend zu seinem Roman. Ich dachte, der Mann ist old school, der steht auf so was. Kurz gefasst: Ich habe ihn nach einigem Hin- und Hergemaile und Rumgeplänkel gefragt, ob er mir bei meinem Roman helfen kann. Er wollte wissen, wie kritikfähig ich sei und wie es um meine Bereitschaft dazuzulernen stünde. Letztlich hat er zugesagt, was mich riesig freute. Dann ging es erst richtig los mit der Arbeit.

Sein Anspruch an den Roman war mir anfangs viel zu hoch, uns trennten Welten. Ich wollte eher so ‘ne Art Bericht runterschreiben, locker und ungehemmt aus der Feder gerotzt. Bis er dann mit „Literatur schaffen“ ankam, und mir die Frage stellte, was ich denn mit dem Werk wirklich wolle – er sprach immerzu von „Werk“, was ich gar nicht hören wollte, weil ich diesen Ausdruck mit elitären Ansprüchen und nicht mit meinem Roman assoziierte.

Axel meinte, ich hätte das nötige Hirn und das Talent dazu, aus dem Stoff etwas richtig Gutes zu machen; letztlich sei dieses Thema bislang noch nicht in Deutschland literarisch verarbeitet worden. Mir fehle es lediglich am literarischen Handwerkszeug, um aus meinen Ideen, Gedanken und Erfahrungen eine fesselnde Story nach allen Regeln der Kunst zu fabrizieren.

Wie ging es konkret weiter? Wie wurde aus deinem „Wust unstrukturierter Manuskriptblätter“ ein richtiger Roman „nach allen Regeln der Kunst“?

YOKO MAGUNE:
Zum Einstieg hat Axel mir das Buch „Kreativ schreiben“ von Fritz Gesing geschenkt. Er sagte, dass sei vor Jahren neben der „Autorenfibel“ sein erstes Schreibbuch gewesen und hätte ihm eine Menge an Basiswissen gebracht. Dann kamen ,nur‘ noch drei Bücher dazu: „Schritt für Schritt zum erfolgreichen Drehbuch“ von Christopher Keane, „Romane und Kurzgeschichten schreiben“ von Raymond Carver und „Fiktionales Schreiben“ von Ron Kellermann. Ich sage ,nur‘, weil es ja eine Unmenge Ratgeber zum Schreiben gibt; die kann kein Mensch alle lesen. Axel hat vielleicht 20 bei sich im Regal stehen, von denen er sogar wieder ein paar entsorgt hat – „wenn du die Essenz der vier Bücher, die ich dir gegeben habe intus hast“, sagte er, „weißt du mehr als genug, um einen guten Roman zu schreiben.“

Nach langen, vielen und oft verdammt späten Stunden, in denen wir meine Texte ordneten und darüber diskutierten, welche Masterplots für die Story gelten, war ich endlich soweit, ein Arbeitsexposé zu entwerfen, also eine ausführliche Inhaltsangabe der gesamten Story. Dazu war die Anleitung von Kellermann Gold wert; der lehrt, wie und warum man den Roman in Erzählabschnitte und Akte aufteilt. Zusätzlich habe ich eine Liste mit den Figuren und die Charakterprofile der Hauptpersonen erstellt.

Nachdem das alles soweit fertig war, sind wir zusammen das Exposé, von dem ich ein gutes Dutzend Ergänzungen und Überarbeitungen machte, und die Figurenprofile durchgegangen. Als Axel endlich die letzten Fassungen abgesegnet hatte, habe ich daraus die Story-Outline entwickelt. Die Outline ist das Szenengerüst des Plots. In ihr werden alle Szenen vom Anfang des ersten bis zum Ende des dritten Aktes durchnummeriert und aufgelistet.

Wenn du so ein Romanprojekt startest, musst du die Regeln der Dramaturgie wie das Setzen der Plotpoints, die Gesetze der Erzählökonomie, die Perspektiven, das szenische und nichtszenische Gestalten, die Spannungsbögen, die emotionale Entwicklungslinien der Figuren, den Duktus, und, und, und … beachten. Für einen, der wenig bis keine Ahnung hat und eigentlich nur losschreiben will, ist so viel Theorie heftig anstrengend. Im Grunde aber ist es Standardwissen, über das jeder Romanautor verfügen sollte, der sich ernsthaft mit literarischem Schreiben befasst.

Wir sind immer noch in der Planungsphase. Wie ging es ans Schreiben, nachdem du alle Arbeitskonzepte entwickelt hattest?

YOKO MAGUNE:
Bevor ich mit dem eigentlichen Schreiben begann, habe ich mich in jede Szene – die selbst erlebten wie die fiktiven – hineingefühlt. Oft habe ich dazu die einschlägigen Orte der Handlung noch einmal besucht, mir die dortige Szenerie einverleibt und in mein Notizbuch geschrieben. So habe ich mich stundenlang im Englischen Garten, in den Cafés und den Hotels, an der Marienklausenbrücke, und natürlich auf dem Bahnhof herumgetrieben. Allerdings war es nicht der Münchner Güterbahnhof, sondern die Ausläufer des Hauptbahnhofs in Augsburg.

Dein Aufenthalt in Augsburg hing also mit dem Schreiben des Romans zusammen?

YOKO MAGUNE:
Absolut. Das Projekt hatte mich inzwischen emotional so vereinnahmt, dass ich schwer an etwas anderes denken konnte; alles in meinem Kopf drehte sich um den Roman. Ich wusste es nicht nur, ich spürte es regelrecht, dass ich dieses Werk nicht allein stemmen würde, nicht mit dem Qualitätsanspruch, der sich inzwischen auch in mir wie eine Art Sucht ausgebreitet hatte. Nicht mit den vielen offenen Fragen zur Gestaltung der Texte, den Zweifeln nach der Gesellschafstauglichkeit – wie weit darf die pornografische Schilderung meines Erlebten gehen? –, oder den häufig gehegten Gedanken daran, alles hinzuschmeißen.

In dieser Phase hatte ich mir auch indirekten und externen Beistand durch das Gutachten eines Experten geholt, einem ehemaligen Rowohlt-Lektor, der sich in Hamburg als freier Lektor und Autorenberater mit einer eigenen Agentur niedergelassen hat. Dem hatte ich eine Leseprobe der ersten Fassung zugeschickt. Er schrieb unter anderem: „Die Sprache dieses Textes ist flüssig, geradlinig, professionell, ohne Pathos … Mit diesem eher zupackenden Stil werden von Anfang an zugleich literarische Topoi eingeführt, die dem Ganzen einen deutlich ,höherwertigen‘ Rang zuweisen als den eines billigen Sexberichts.“ Er hatte mir geraten, unbedingt dranzubleiben und mir sogar entgegen seiner üblichen Leistungen einen, wie er schrieb „sehr guten Verlag“ vermittelt, der das Manuskript lesen wollte.

Das hatte sich dann meinerseits zerschlagen.
Ich wollte zu Axel in sein Dojo ziehen, er hatte mir jedoch davon abgeraten, und das mit guten Gründen (… Pseudovaterfigur etc.) belegt. Die hatte ich schweren Herzens akzeptiert. Ich nahm mir ein möbliertes Winzzimmer, jobbte in einem Café und schrieb jede freie Minute. Ich schrieb und verwarf. Schrieb erneut und verwarf wieder. Manchmal dachte ich, das wird nie etwas, das nimmt kein Ende.

Du hast daraufhin nicht alles allein geschrieben. Welcher Anteil am Roman hat Axel den konkret?

YOKO MAGUNE:
Axel hat mich während der ganzen Planungsphase beraten. Er hat mir die Struktur des Romans vorgeschlagen, die Einteilung in Rand- und Binnenerzählung, die sich in den zwei Perspektiven Jin und Marinus ausdrückt, und die dramaturgische Ordnung der Notizbücher. Zudem war er Betaleser und Lektor. Und letztlich hat er auch, hier sei es offenbart, als Coautor mitgeschrieben – die Passagen von Marinus stammen allesamt aus seiner Feder.

Als ich die Überarbeitung der letzten Fassung fertig hatte, hat er mir das Endlektorat bei einer Germanistin, die gerade promoviert, vermittelt. Ebenso eine professionelle Designerin, die mir das PDF von Satz und Lay-out des Buches und das Cover gestaltete. Zuletzt hat er sich um die ganze eBook-Konvertierung gekümmert. Er hat mich aus meinen Tiefs herausgezogen; er war immer da, wenn ich ihn brauchte. Ohne ihn gäbe es den Roman „€njokōsai,-“ definitiv nicht.

Wie lange hast du, beziehungsweise habt ihr insgesamt an diesem Roman gearbeitet?

YOKO MAGUNE:
Mit den ganzen Überarbeitungen hat er letztlich gute zwei Jahre bis zur druckreifen Fassung in Anspruch genommen. Gut Ding will Weile haben, und ich glaube schon, das Resultat kann sich sehen lassen.

Wieso erscheint dein Roman nicht als richtiges Buch bei einem Verlag? Nachdem was ich jetzt alles über ihn weiß, müssten sich die Lektoren doch alle Finger danach lecken?

YOKO MAGUNE:
Vielleicht tun Sie es ja noch, wer weiß? Wir haben den Roman schon von uns als adäquat erachtete Verlagen angeboten; die Reaktion waren Standardabsagen oder blieben ganz aus – vielleicht haben wir die falschen angeschrieben. Axel meinte, ich solle nicht so ungeduldig sein, die Verlage brauchten Zeit. Geduld war das letzte, was ich aufbrachte.

Als die Arbeit getan war, fiel ich in ein emotionales Loch. Nach der ganzen Anspannung war ich nicht gelöst, sondern noch viel verkrampfter. Ich hatte eine regelrechte Wut im Bauch über die Absagen, diese Ignoranz der Lektoren über mein Werk. Da half auch Axels gutes Zureden nicht, und sein in Schutz nehmen der Verlagsmenschen, die nichts von meiner persönlichen Situation wüssten. Für die sei mein Projekt eines wie jedes andere, die seien so zugestopft mit Offerten, dass die gar nicht mehr richtig einschätzen könnten, was gut sei und was nicht. Das wollte ich alles nicht hören.

Letztlich hatte ich keinen Bock mehr auf den ganzen Bürokratenscheiß und diese Verlagsmaschinerie. Ich hatte im Winter unverrückbar beschlossen, das Projekt noch im Frühjahr 2013 abzuschließen. So kam eines zum anderen. Im Mai haben wir es dann als Kindle eBook veröffentlicht.

Wie geht es weiter? Schreibst du an einem neuen Projekt?

YOKO MAGUNE:
Vorerst nicht. Irgendwie hat mich die ganze Sache so aufgewühlt, dass ich – zumindest momentan – nichts mehr von Literatur wissen will. Ich brauche erst mal Abstand.

Das Verfassen deiner ganz persönlichen Geschichte, hat dir das Schreiben und den Zugang zur Literatur verdorben?

YOKO MAGUNE:
Im Grunde war die Auseinandersetzung mit meiner Geschichte eine Art Selbsttherapie. Die Story geht an die Substanz – je nachdem wie sensibel und empathisch der jeweilige Leser gestrickt ist, wird er das merken. Mein Roman ist bestimmt kein Psychothriller oder ein Horrorroman; für Fans solcher Literatur ist er auch gar nicht geschrieben. Es ist ein Roman über die schönste und auch schmerzlichste Sache der Welt: die Liebe. Allein die drei Zitate am Anfang sind Programm und sagen schon verdammt viel aus.

Fazit: Während des Schreibens gab es viel Wut und Tränen. Davon brauchte – und brauche ich immer noch – Abstand. Mitunter deswegen auch mein Umzug nach Berlin, und die Übergabe des Werks und der Rechte an Axel; wir haben einen fairen Deal gemacht. Es war für mich auch wichtig, mich von ihm als meinem Mentor zu lösen, um wieder mein eigener Mentor zu sein. Wenn du ohne Vater aufwächst und mit einer doch recht zweifelhaften Mutter, sind solche Mentorenverhältnisse nicht ganz ungefährlich; Axel hatte schon recht mit dem, was er über die Ersatzvaterfiguren gesagt hatte.

Yoko, du antwortest sehr offen. Hast du keine Angst, dadurch verletzlich zu sein?

YOKO MAGUNE:
Mensch sein heißt automatisch verletzlich zu sein. Künstlerseelen sind das wohl noch mehr, als dickfellige Betonköpfe. Ich habe gelernt, mit meiner Verletzlichkeit umzugehen. Es geht nicht immer, aber wem gelingt das schon?

Lässt du dich von schlechten Rezensionen runterziehen?

YOKO MAGUNE:
Ich weiß es zu schätzen, wenn sich einer die Mühe macht, ein Werk zu rezensieren; sofern es ihm wirklich um das Werk geht und nicht um seine Selbstdarstellung als Kritiker. Die Qualität von Rezensionen ist halt recht unterschiedlich; man merkt, wer Ahnung vom Metier hat und wer nicht, also wer objektiv, ausgewogen und aussagekräftig rezensieren kann. Ich lasse mich überraschen.

Yoko, zwei Fragen noch zum Schluss. Welche Rolle spielt Milla Jovovich als Jeanne d’Arc in deinem Leben?

YOKO MAGUNE:
Kennst du den Film von Luc Besson? Wenn nicht, sieh in dir bitte an. Diese Frau (die Schauspielerin und die Figur, die sie verkörpert) hat so eine Power, dass ich eine Gänsehaut bekomme, wenn ich sie agieren sehe. Es fasziniert mich einfach, von (s)einer Sache so infiziert zu sein, dass du wie eine Fackel brennst, wenn du in ihr aufgehst. Das Filmplakat hängt nach wie vor an meinem Schrank.

Welche Bedeutung haben die Police-Songs für dich, die du im Roman den Kapiteln voranstellst?

YOKO MAGUNE:
Die Songs sind begnadet und zeitlos. Wenn ich die höre, wäre ich gerne ein Kind der 80er gewesen, um die Band live erlebt zu haben. Ich habe die Songs erst später eingebaut, nachdem mir Axel die CD schenkte. Die Zitate wie die Wahl der Songs sind auf die jeweiligen Kapitel abgestimmt. Während der ganzen Schreibzeit haben die Stücke mehr und mehr an Bedeutung zugenommen; warum wird im Roman deutlich.

Yoko, vielen Dank für das offene Interview.

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Wenn Sie oben in der pinkfarbenen Leiste auf „Interviews mit Autoren“ klicken, kommen Sie auf die Auflistung aller bisher erschienenen Interviews auf meinem Internetblog.

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